Bedeutung von Kultur für die demokratische Stadtentwicklung
Abschlussfeier des Kulturhauptstadtjahres
Lassen Sie uns einen Moment zurückgehen ins Jahr 2018. Das Jahr hat das Selbstverständnis von Chemnitz schlagartig erschüttert. Im August 2018 kam es bei einem Stadtfest in Chemnitz zu einer tödlichen Messerstecherei, bei der ein 35-jähriger Mann starb. In der Folge zogen rund 800 Menschen, darunter offensichtlich Rechtsextreme aus ganz Deutschland, durch die Stadt, es gab Proteste, aggressive Parolen und Einschüchterung. Diese Ereignisse machten überregional Schlagzeilen – Chemnitz wurde zu einem rechtspopulistischen Mobilmachungsraum.
Als Antwort formierte sich die Zivilgesellschaft:
Am 3. September 2018 versammelten sich etwa 65.000 Menschen auf dem Platz vor der Johanniskirche zu einem kostenfreien Konzert unter dem Motto "Wir sind mehr" – mit Bands wie Die Toten Hosen, Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet, Marteria. Das Konzert verlief friedlich und wurde zu einem starken, gemeinsamen Zeichen gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt.
Dieser Impuls und die offensive Auseinandersetzung mit den Themen Demokratie und Extremismus stärkte unsere Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt.
Demokratie als tragendes Strukturprinzip des Kulturhauptstadtjahres
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Johannes Richter
Als Chemnitz den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2025 erhielt, war klar: Diese Stadt trägt nicht nur industrielle Geschichte, sondern auch innere Wunden und existenzielle Brüche. Im Bewerbungsbuch BidBook II legten die Organisatoren daher eine bewusste Schwerpunktsetzung auf "Demokratie": Demokratie war kein bloßes Schlagwort, sondern ein tragendes Strukturprinzip des Programms mit regionaler Verankerung.
Das Konzept zielte darauf ab, zivilgesellschaftliche Teilhabe, Bürgerbeteiligung, den europäischen Gedanken und das Miteinander unterschiedlicher sozialer Kreise zu stärken. So bietet freiheitliche Demokratie den Rahmen, innerhalb dessen Kunst und Kultur zur freien Entfaltung kommen kann – durch Schutz der Meinungsfreiheit, legitimierte Institutionen und Teilhabemöglichkeiten. Kultur erhält durch demokratische Institutionen Raum für Vielfalt, Dissens und Experimente.
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Marie Poulain
Es ist die aktive demokratische Gesellschaft, die Kultur nutzt, um Reflexion, Dialog und Veränderung herbeizuführen. Beispielhaft sei hier das KOSMOS Festival für Demokratie erwähnt, das aus einer zivilgesellschaftlichen Bewegung entstanden ist.
Das Programm des Kulturhauptstadtjahres in Chemnitz gliederte sich in fünf Hauptprogramm-Felder (Näheres dazu in der Abschlussbilanz des Kulturhauptstadtjahres). Darunter gab es 250 Einzelprojekte. Insgesamt waren es 2000 Veranstaltungen und Ausstellungen, die jede auf ihre Art den demokratischen Impuls verstärkte – so beispielsweise: die Oper "Rummelplatz", in der es darum geht, wie sich Menschen in Beziehung zu sozialen Verhältnissen setzen, zum politischen System und den Gedanken und Stimmungen ihrer Zeit. Begleitend dazu hatte die Oper ein Schreibwerkstattprogramm ins Leben gerufen: In Workshops zum autobiografischen Schreiben konnten Menschen aus der Stadt und Region, unerhörte Begebenheiten festhalten oder Fragen nachgehen, die sie schon lange umtrieben.
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Szene aus der Oper Rummelplatz
Nasser Hashemi
Weitere Beispiele: die Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz "Edvard Munch.Angst" mit dem Pavillon der Angst. Der Pavillon war ein mobiles Kunst- und Mitmachprojekt zu der Frage "Was macht die Angst mit uns?", der an mehreren Orten im Stadtgebiet Station machte und einen generationsübergreifenden Dialog förderte.
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Mark Frost
Oder die Ausstellung "Offener Prozess – das NSU-Dokumentationszentrum" als lebendiges Archiv zur Aufarbeitung rechtsextremer Gewalt, zur Sensibilisierung für die Perspektive der von rechtsterroristischer Gewalt Betroffenen, als Ort der Erinnerung und für demokratische Bildung.
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European Peace Ride
Oder schließlich der "European Peace Ride" als gemeinsame grenzüberschreitende Radrundfahrt für den Frieden.
Beteiligung und Engagement der Stadtgesellschaft gestärkt
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Peter Rossner
Ein zentrales Ziel des Kulturhauptstadtjahres war es auch, die Stadtgesellschaft und die Kulturhauptstadtregion zum Mitmachen, Mitgestalten und Mitsprechen zu bewegen. Das konnte beispielsweise mit Formaten erreicht werden wie das Jugendprogramm CREATE.U in Verbindung mit dem Betonblühen-Festival für junge Kultur, den Projekten GELEBTE NACHBARSCHAFT in Verbindung mit dem Pflanzfestival ERNTE sowie TANZENDE NACHBARN als auch den neun etablierten Makerhubs, dem Maker-Advent und dem Maker Festival makers united – Formate, bei denen das Mitmachen im Zentrum stand und Technik, Naturwissenschaften, Kunst und Handwerk auf niedrigschwellige Weise erlebbar waren.
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Gelebte Nachbarschaft: Baumpflanzaktion
Johannes Richter
Darüber hinaus stand das zentrale Förderprogramm EUJA! zur Verfügung, um zirka 120 Projekte lokaler Initiativen, Vereine und Einzelpersonen zu unterstützen. Auch stärkte das Format der sogenannten Mikro-Projekte, die Anstöße für neue kulturelle Formate oder Begegnungen gaben, die Beteiligung der Stadtgesellschaft.
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Eines der Interventionsflächen-Projekte: der Marktbrunnen des Londoner Künstlers Daniel Widrig
Michaela Haustein
Zum Mitsprechen und Mitgestalten eingeladen waren konkret die Bürgerinnen und Bürger aller Stadtteile und eingemeindeten Ortsteile bei der Entwicklung von insgesamt 30 Infrastrukturprojekten, den sogenannten Interventionsflächen. So wurden bedarfsorientiert beispielsweise der Spiel- und Rastplatz "Am Feldschlößchen", der Stadtteilpark am Pleißenbach, der Bürgerpark Gablenz, der Rastplatz Chemnitztal-Radweg errichtet beziehungsweise grundlegend saniert.
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Peter Rossner
Schließlich ist das äußerst erfolgreiche Volunteer-Programm ein enormes Indiz für eine gelungene Beteiligung: 1.300 Ehrenamtliche unterstützten in über 10.000 Einsätzen in einem Umfang von 45.000 Stunden das Kulturhauptstadtjahr. Der Großteil dieser Freiwilligen organisiert sich auch nach dem Kulturhauptstadtjahr weiter in verschiedenen Projekten. Dies zeigt, dass die Aktivierung der Bürgerschaft nachhaltig gelungen ist.
Fazit und Ausblick
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Frank Maibier (Kunstwerk) / Natalie Bleyl (Foto)
- Das Kulturhauptstadtjahr 2025 nahm die Ereignisse von 2018 ernst – mit Demokratie als strukturellem Schwerpunkt im BidBook II. Freiheitlich-demokratische Werte gaben den Rahmen für ein lebendiges, partizipatives und sozial verbindendes Kulturhauptstadtprogramm.
- Die Erfolge aus dem Kulturhauptstadtjahr gilt es unter Berücksichtigung der Stadtgesellschaft, der Region, der Wirtschaft und des Tourismus in die Zukunft zu führen. Hierzu ist Chemnitz zusammen mit der Kulturhauptstadt-Region im Austausch mit der Europäischen Union, dem Bund und dem Freistaat Sachsen, um Strukturen zu sichern, Förderlinien weiterzuführen, Partnerschaften zu institutionalisieren.
- Wir sind aufgefordert, die demokratischen Strukturen und Netzwerke, die im Rahmen des Kulturhauptstadtprozesses entstanden sind, zu festigen – damit das Kulturhauptstadtjahr nicht ein singuläres Ereignis bleibt, sondern Ausgangspunkt für nachhaltige Transformation wird.
- Die kürzlich eingegangene Förderzusage für das EUROPE DIRECT Zentrum als lokale Anlaufstelle der Europäischen Union ist ein wichtiger Meilenstein, um vor Ort in Chemnitz die freiheitlich-demokratischen europäische Werte weiter zu vermitteln, zu stabilisieren und zu stärken.
Autorinnen und Autoren
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Ulf Dahl
Dagmar Ruscheinsky, Bürgermeisterin für Soziales, Jugend, Gesundheit, Kultur und Sport, Stadt Chemnitz
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Anonym, Kulturbetrieb Stadt Chemnitz
Ferenc Csák, Amtsleiter Kulturbetrieb und Leiter Stabstelle Kulturhauptstadt, Stadt Chemnitz
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Mike Flemming
Dr. Thorid Zierold, Referentin für Kultur, Stadt Chemnitz