Zusammenhalt in Vielfalt: Wir brauchen Haltung und radikale Empathie!
Welche Strategien, Best Practices und Herausforderungen gibt es bei der Förderung von Vielfalt und Teilhabe? Diesen Fragen ist der Deutsche Städtetag zusammen mit der Landeshauptstadt Düsseldorf bei einer Podiumsdiskussion zum ersten bundesweiten Aktionstag "Zusammenhalt in Vielfalt" nachgegangen. Der integrationspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Volkan Baran, der Vorsitzende des NRW-Kulturrates, Lorenz Deutsch, die Beigeordnete für Kultur, Integration und Gesundheit der Landeshauptstadt Düsseldorf, Miriam Koch und die Tänzerin ZOE beantworteten dazu die Fragen von Sascha Förster im Theatermuseum Düsseldorf. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Kulturausschusses des Deutschen Städtetages statt.
Skadi Jennicke, Kulturbürgermeisterin der Stadt Leipzig und Vorsitzende des Kulturausschusses, rief in ihrem Grußwort dazu auf, die Vielfalt unserer Gesellschaft und unser "Wir" zu verteidigen. Dazu brauche es Haltung und Rückenwind, der von den Veranstaltungen am Aktionstag ausgehen könne. Die Direktorin des NRW-Kultursekretariats Vera Schöpfer forderte in ihrem Impuls zum "Unwohlsein" auf – wir müssten hinterfragen, was wir als Kunst anerkennen und welche Wege des Zugangs wir eröffnen. Erforderlich sei ein radikaler Perspektivwechsel, eine radikale Empathie, und Privilegien könnten verlorengehen.
Machs'e nix, wenn keiner was macht oder machs'e selber?
Für Volkan Baran bedeutet Zusammenhalt vor allem Sicherheit und ein Gefühl von Zu-Hause-Sein. Die Kultur habe kein Migrationsproblem, sondern ein Geldproblem: Das Kulturangebot sei zu teuer für ein armes Publikum. Einzelne vergünstigte Angebote würden dabei nicht helfen, sondern im Gegenteil, sie vermittelten das Signal "Die Armen bekommen eine Audienz bei den Reichen". Kunst und Kultur müssten als Teil von Allgemeinbildung verstanden und aus ihrer intellektuellen "Blase" geholt werden, betonte Baran. Man müsse Vielfalt und Diversität praktisch erlebbar machen, zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit den Vereinen vor Ort. Es gelte der Dortmunder Spruch: "Machs'e nix, wenn keiner was macht oder machs'e selber?"
Lorenz Deutsch sieht eine flächendeckende gesellschaftspolitische Sensibilität für das Thema, die allerdings zunehmend in Frage gestellt werde. Er unterstrich, dass es wichtig sei, sich nicht in die Defensive drängen zu lassen. Die Menschen wollten sich ihre Gesellschaft nicht kaputtmachen lassen. Er blicke allerdings mit Sorge auf die Situation der Kommunalfinanzen, die noch "Heulen und Zähneklappern" auslösen könne. Es bestehe das Risiko eines Kahlschlag-Effekts. Erforderlich seien eine umfassende Solidarität im Kultursektor, aber auch die Bereitschaft zur Transformation und die Entwicklung umfassender kulturpolitischer Konzepte.
Das Menschliche in uns sehen, Räume für Begegnung und Veränderung schaffen
Mit ihrer Arbeit möchte die Künstlerin ZOE etwas universell Greifbares transportieren, jenseits des klassischen Kulturkanons. Es gehe darum, das Menschliche in uns sichtbar zu machen und so alle Menschen anzusprechen. Dafür brauche es neue Formate, die Räume für echte Begegnungen schaffen – um damit das Publikum zu verändern, sagte die Tänzerin.
Die Düsseldorfer Kulturlandschaft nehme Vielfalt und Teilhabe sehr ernst, stellte Miriam Koch heraus. Mit der Entwicklung einer neuen Kulturmeile am Hauptbahnhof sei es gelungen, den öffentlichen Raum zu verändern. Man habe gezeigt: Wenn man wirklich etwas verändern wolle und fest daran glaube, dann gelinge dies auch.
Kultur als Querschnittsaufgabe?
Sascha Förster schlug vor, Kultur als Querschnittsaufgabe zu verankern. Wie wäre es, wenn wir Kunst und Kultur wirklich von Anfang an mitdenken, bei allen kommunalen Handlungsfeldern? Nicht nur bei der Stadtentwicklung oder beim Marketing, wo dies vielleicht jetzt schon geschieht, sondern auch bei Jugend, Gesundheit, Sozialem, Bildung, Schule, Wirtschaft, Gleichstellung, Bau, Katastrophenschutz, Finanzen? Vielleicht würde dies helfen, unsere vielfältige und diverse Gesellschaft auch mithilfe von Kunst und Kultur zusammenzuhalten. Einen Versuch jedenfalls wäre es wert.
Hintergrund
Die "Initiative kulturelle Integration" des Deutschen Kulturrates hat am 21. Mai 2026, dem UNESCO-Welttag der kulturellen Vielfalt, erstmalig zum bundesweiten Aktionstag "Zusammenhalt in Vielfalt" aufgerufen. Der Deutsche Städtetag und die Landeshauptstadt Düsseldorf haben im Rahmen der Sitzung des Kulturausschusses des Städtetages eine Podiumsdiskussion zum Aktionstag durchgeführt. Bundesweit gab es mehr als 450 Aktionen in allen Bundesländern. Die Initiative kulturelle Integration befasst sich mit der Frage, welchen Beitrag Kultur zur Integration leisten kann – zur Integration der Menschen, die nach Deutschland kommen, aber auch derjenigen, die bereits in Deutschland leben. Beteiligt sind 28 Organisationen der Zivilgesellschaft, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Medien, Sozialpartner, Länder und kommunale Spitzenverbände.