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Städtetag aktuell 4|2026 15.10.2026

Nachahmenswert: Die Gesundheitsversorgung im Essener Norden

von Peter Renzel von der Stadt Essen

Stadt Essen
Gesundheitskiosk im Stadtteil Altenessen

2020 traf es den Essener Norden mitten in der Corona-Pandemie hart. Die Contilia-Gruppe entschied zum Ende des Jahres, gleich zwei Krankenhäuser zu schließen, das Marienhospital Altenessen und St. Vincenz Stoppenberg. Für über 100.000 Menschen in einem ohnehin sozial belasteten Stadtgebiet brach damit ein Stück Versorgung weg. Familien, Senioren und chronisch Kranke fühlten sich besonders betroffen. Die Enttäuschung der Bürger war groß und der Protest, die Wut laut. Die Stadt Essen ist in dieser Situation nicht den Weg von Protestbriefen an Land und Bund gegangen, sondern hat Verantwortung übernommen. Die Stadtverwaltung Essen hat den Bürgerinnen und Bürgern, den bezirks- und kommunalpolitischen Akteuren an "Runden Tischen" auf Einladung des Oberbürgermeisters deutlich gemacht, dass die Gesundheitsversorgung der Zukunft nicht in der Aufrechterhaltung kleiner stationärer Krankenhäuser liegt, sondern eine eher sektorenübergreifende Entwicklung gebraucht wird. Deshalb hat die Stadt Essen entschieden, nicht auf andere Entscheidungen im Gesundheitssystem zu warten, sondern selbst Verantwortung zu übernehmen. Und das auch ungewöhnlich schnell.

Bereits im März 2021 hat der Stadtrat die Vorlage zur Neuaufstellung der Gesundheitsversorgung im Essener Norden, mit mehreren konkreten Teilprojekten, von der Implementierung der Gesundheitskioske über die Entwicklung eines Kindergesundheitszentrums bis zur Etablierung eines sektorenübergreifendes integrierten Gesundheitszentrums beschlossen. Damit hatte die Stadt Essen nur rund drei Monate nach der Schließung der Krankenhäuser einen klaren durchgetakteten Umsetzungsplan. 

Versorgungsnetz statt Ersatzkrankenhäuser

Statt auf klassische Klinikpolitik zu setzen, entwickelte die Stadt eine eigene, sektorenübergreifende "Gesundheitsregion Essener Norden". Kein Ersatzkrankenhaus, sondern ein integriertes Netz aus wohnortnaher Prävention, sozialer Gesundheitsberatung und Versorgung. Die Gesundheitsregion bezieht final alle an der Versorgung Beteiligten ein – insbesondere Haus- und Fachärzte, stationäre Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflegedienste sowie die Rettungsdienste. Herzstück ist das 2024 eröffnete Gesundheitszentrum St. Vincenz in Stoppenberg, für das die Stadt mit zwei Partnern die Gesundheitszentren Essen gGmbH gegründet hat. Kern der Innovation ist die Einbindung von Gesundheitslotsinnen und "Flying-Nurses" mit einer kurzstationären allgemein-medizinischen Versorgung, um Notfalleinweisungen zu vermeiden. Für die Patienten bedeutet dies eine gezielt geplante kurzstationäre Behandlung sowie eine zügige Entlassung, um rasch wieder in das gewohnte Wohnumfeld zu kommen. Durch die kontinuierliche Kommunikation aller am Versorgungsprozess Beteiligten wird eine gezielte, individuelle und bedarfsgerechte Versorgungsplanung für die Zeit nach der Entlassung festgelegt. Bei den Patienten kann eine bis zu vierwöchige Nachbetreuung durch "Flying Nurses" erfolgen, die auch eine Wiedereinweisung in eine Klinik verhindern soll. Der Erfolg dieser "Stadtteilklinik" mit nur knapp 30 Betten überzeugt. Deshalb ist jetzt ein fast 70 Millionen Euro teurer Neubau des neuen "sektorenübergreifenden Gesundheitszentrums" am gleichen Standort mit ambulanten Haus- und Facharztpraxen, der Stadtteilklinik mit 40 Betten und mit einem ambulanten OP-Zentrum bereits beschlossen. 

Zudem bieten zwei Gesundheitskioske in Altenessen und Katernberg niedrigschwellige, mehrsprachige Beratung für Menschen, die im deutschen Gesundheitssystem sonst leicht verloren gehen, finanziert gemeinsam von der Stadt und der AOK Rheinland/Hamburg, getragen von einer eigens gegründeten Gesellschaft etablierter Partner aus der Gesundheitsprävention und der Freien Wohlfahrtspflege. 

Die Etablierung eines "Kindergesundheitszentrums" ist beschlossen und wird 2027 eröffnet. Damit entsteht eine zentrale sektorübergreifende Anlaufstelle für Eltern und Familien im Essener Norden. Der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst des Gesundheitsamtes wird institutionell mit der ASD des Jugendamtes, mit dem Jugendpsychologischen Institut vs. der Erziehungsberatung des Jugendamtes sowie einem neu entwickelten "Kompetenzzentrum für medizinischen Kinderschutz" inklusiv einer interdisziplinären Kinderschutzambulanz verbunden. 

Auf dem Gelände des ehemaligen Marienhospitals in Altenessen wächst mit dem "Gesundheitszentrum St. Marien" ein weiteres neues sektorübergreifendes Gesundheitszentrum mit Allgemein- und Facharztpraxen, der Ergänzung des Kindergesundheitszentrums, einer zentralen Anlaufstelle für Gesundheitsprävention sowie ergänzenden Angeboten für Senioren. 

Statt einzelner Insellösungen entwickelt die Stadt Essen ein zusammenhängendes Gesundheits- und Versorgungssystem im und für den Essener Norden, das medizinische und soziale Sektoren für eine integrierte Stadtentwicklung zusammenführt. 

Vorreiter ohne Rückenwind

Die Stadt Essen ist mit ihren Partnern vorangegangen, während andere Ebenen in der Entwicklung neuer Angebots- und Versorgungsformen eher zurückhaltend agieren. 2022 kündigte der ehemalige Bundesgesundheitsminister an, deutschlandweit bis zu 1.000 Gesundheitskioske aufzubauen. Im parlamentarischen Verfahren jedoch schrumpfte der Plan dramatisch. Das im Februar 2025 verabschiedete Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz bringt zwar Verbesserungen für Hausarztpraxen, etwa eine entbudgetierte Vergütung und eine Versorgungspauschale für chronisch Kranke. Doch Gesundheitskioske, Gesundheitsregionen und Primärversorgungszentren fielen aus dem Gesetz. Übrig blieben bundesweit wenige Kioske. Essen zeigt mit seinen beiden Gesundheitskiosken bereits überdurchschnittliches Engagement, nur eben ohne den verlässlichen gesetzlichen und finanziellen Unterbau, den die Stadt und die Landesarbeitsgemeinschaft Gesundheitskioske NRW auch weiterhin einfordern. 

Die nächsten Ausbauschritte

Essens Weg ist noch lange nicht zu Ende, er kann vielleicht auch zur Blaupause für andere Städte werden. Natürlich sind die Kommunen bei Modellen und Projekten auch nach auf dem Auslaufen von Förderprogrammen darauf angewiesen, dass erfolgreich erprobte Ansätze in neue Regelstrukturen übergehen. 

Wir Kommunen müssen aber letztlich auch eine klare Funktion und Rolle bei der Planung und Bedarfsdeckung der Gesundheitsversorgung bekommen. Der Gesetzgeber muss diese Lücke schließen. 

"Kommunen dürfen nicht länger von den Kassenärztlichen Vereinigungen, den Krankenkassen und den Ländern von der Entwicklung der Gesundheitsversorgung in ihren Versorgungsgebieten ausgeschlossen werden."

Peter Renzel, Stadtdirektor und Gesundheitsdezernent der Stadt Essen

Anhörungsrechte und das Verfassen von Stellungnahmen für die Krankenhausplanung genügen nicht. 

Essen zeigt, was möglich ist, wenn eine Stadt nicht abwartet, sondern Verantwortung übernimmt, selbst gestaltet und vorangeht, die sozialen und medizinischen Sektoren miteinander verzahnt und weiterentwickelt. Essen kann damit Vorbild für die Zukunft der Gesundheitsförderung und -versorgung in vielen Regionen in Deutschland sein. 

Wir wollen, dass die Menschen in unseren Kommunen gesund aufwachsen, gesund leben und gesund alt werden! 

Peter Renzel 
Stadtdirektor u. Gesundheits­dezernent Stadt Essen 

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Dieser Text ist erschienen in Städtetag aktuell 4|2026, Schwerpunkt Gesundheit

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