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Städtetag aktuell 3|2026 16.07.2026

Soziale Medien: Kinder- und Jugendschutz braucht mehr als Verbote

Von Anja Niebuhr und Dr. Sascha Borchers

Wie können Kinder und Jugendliche vor den Risiken sozialer Medien geschützt werden? Die Debatte wird häufig auf die Frage reduziert, ob Verbote oder mehr Medienkompetenz der richtige Weg sind. Aus schulpsychologischer Sicht greift diese Gegenüberstellung jedoch zu kurz. Erforderlich ist ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz, der Schutz, Orientierung und Beteiligung miteinander verbindet.

Menschen sind soziale Wesen und auf die Zuwendung anderer angewiesen. Gerade für Jugendliche ist die Zugehörigkeit zur Gruppe der Gleichaltrigen besonders wichtig. Soziale Medien setzen genau an diesem Bedürfnis an. Zugleich verfolgen sie das Ziel, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. In der Pubertät ist die Fähigkeit zur Selbststeuerung noch nicht vollständig entwickelt. Kinder und Jugendliche sind deshalb besonders anfällig für diese Mechanismen.

Nach Einschätzung der Schulpsychologie bergen soziale Medien erhebliche Risiken für die psychische Gesundheit. Dazu gehören psychische Belastungen ebenso wie nachlassende Anstrengungsbereitschaft, Schulabsentismus oder Einsamkeit. Über diese gesellschaftlichen Folgen werde bislang zu wenig gesprochen. Betroffen seien zudem nicht nur Kinder und Jugendliche. Auch Erwachsene nutzten soziale Medien intensiv und seien damit wichtige Vorbilder.

Die Diskussion sollte sich zudem nicht allein auf soziale Medien beschränken. Auch Künstliche Intelligenz muss einbezogen werden, da vergleichbare Mechanismen wirkten und die Folgen möglicherweise noch weitreichender sein könnten.

Vor diesem Hintergrund halten wir eine reine Verbotsdebatte für wenig zielführend. Verbote allein könnten Widerstand hervorrufen. Gleichzeitig braucht der Umgang mit sozialen Medien verbindliche Regeln. Diese dürfen sich jedoch nicht allein auf Altersgrenzen beschränken. Auch die Plattformen selbst müssten Verantwortung übernehmen.

Im Mittelpunkt steht aus schulpsychologischer Sicht die Selbstregulation. Medienkompetenz bedeutet nicht nur den Umgang mit digitalen Angeboten, sondern auch die Fähigkeit, das eigene Verhalten bewusst zu steuern. Gerade weil soziale Medien diese Fähigkeit gezielt unterlaufen, muss sie ein zentraler Bestandteil von Medienkompetenz sein.

Ebenso wichtig ist das Erleben von Selbstwirksamkeit – also die Erfahrung, das eigene Handeln wirksam gestalten zu können. Eltern und Gesellschaft begleiten Kinder auf diesem Weg. Deshalb beginnt Medienkompetenz nicht erst mit der Nutzung sozialer Medien, sondern bereits vorher und muss die gesamte Entwicklung begleiten.

Auch Partizipation gehört dazu. Kinder und Jugendliche sollten an der Entwicklung von Regeln beteiligt werden. Das stärkt nicht nur die Akzeptanz, sondern auch demokratische Teilhabe. Ebenso wichtig ist Wissen über die Funktionsweise sozialer Medien, ihre Algorithmen, Möglichkeiten der Manipulation und die Verantwortung der Plattformen.

Häufig wird die Verantwortung vor allem den Schulen zugeschrieben. Sie leisten einen wichtigen Beitrag, dürfen damit aber nicht allein gelassen werden. Es wäre wenig sinnvoll, wenn jede Schule eigene Konzepte entwickelt.

Auch Kommunen können Verantwortung übernehmen. Sie können sich an der politischen Diskussion über Regulierung beteiligen und als Schulträger bei Neuanschaffungen europäische oder Open-Source-Lösungen bevorzugen. Das stärkt digitale Souveränität und verringert Abhängigkeiten. Darüber hinaus können sie Schulen, Fachkräfte und Initiativen vernetzen und so gemeinsame Lösungen fördern.

Vor allem aber sind Kommunen Orte echter Begegnung. Hier können Kinder und Jugendliche Selbstwirksamkeit erfahren und erleben, dass Beteiligung etwas bewirkt. Dafür braucht es Räume, Sozialarbeit und niedrigschwellige Angebote.

Der Schutz von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum braucht deshalb mehr als einfache Antworten. Freiheit setzt Orientierung und Regeln voraus. Diese sollten gemeinsam entwickelt werden. Kommunen können dabei ihre politischen und gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten nutzen und einen wichtigen Beitrag zu einem verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien leisten.

Anja Niebuhr 
Zentrum für Schulpsychologie Landeshauptstadt Düsseldorf 

Dr. Sascha Borchers 
Leitung der Schulberatungsstelle Kreis Borken

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Dieser Text ist erschienen in Städtetag aktuell 3|2026, Schwerpunkt Bildung

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