Der Kita-Sozialindex der Stadt Essen
Kindertageseinrichtungen sind längst weit mehr als ein reiner Betreuungsort – sie sind auch die ersten wichtigen Lernorte institutionalisierter Bildung für die Kleinsten. Sowohl im SGB VIII als auch im Kinderbildungsgesetz Nordrhein-Westfalen (KiBiz) ist ein umfassender Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrag für Kindertageseinrichtungen festgeschrieben. Dabei betont das SGB VIII in § 22 Abs. 3, dass sich die Förderung "am Alter und Entwicklungsstand, den sprachlichen und sonstigen Fähigkeiten, der Lebenssituation sowie den Interessen und Bedürfnissen des einzelnen Kindes orientieren und seine ethnische Herkunft berücksichtigen" soll.
Zahlreiche Studien belegen die positive Wirkung frühkindlicher Bildung auf die Entwicklung von Kindern, insbesondere wenn sie bereits vor Schuleintritt gefördert werden. Die Anforderungen an Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen steigen durch die vielfältigen Aufgaben und die zunehmende Komplexität deutlich. Besonders Kitas mit einem hohen Anteil an Kindern aus sozial benachteiligten Lebenslagen stehen in ihrer täglichen Arbeit vor größeren Herausforderungen.
Daten für gezielten Ressourceneinsatz in Kitas
Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, verschiedene Merkmale, die die sozialen und bildungsbezogenen Rahmenbedingungen von Kindern in Kindertageseinrichtungen beschreiben, in einem eigenen Essener Kita-Sozialindex zu bündeln. Ziel ist es, die unterschiedlichen Herausforderungen sichtbar zu machen und dadurch einen gezielten Ressourceneinsatz zur Verbesserung der Chancengleichheit zu unterstützen.
Um den Index zu erstellen, wurden mittels einer Faktorenanalyse Informationen zu drei Dimensionen aus bereits erschlossenen Datenquellen auf Ebene der Kindertageseinrichtungen zusammengeführt. Berücksichtigt wurden darin Daten der Jahre 2022 bis 2024.
Die sozioökonomische Dimension nutzt Informationen aus den Elternbeiträgen zur Kinderbetreuung. Sie repräsentiert den Anteil von Kindern in Haushalten mit niedrigem Einkommen (unter 13.000 € Bruttojahreseinkommen). Die Dimension Gesundheit und Entwicklungsstand nutzt Informationen der Schuleingangsuntersuchungen und erfasst den Anteil der Kinder mit Auffälligkeiten in den schulentwicklungsrelevanten Bereichen Körperkoordination, Visuomotorik und Sprache. Die sprachliche und kulturelle Dimension umfasst den Migrationshintergrund sowie die Deutschkenntnisse der Kinder, die in den Schuleingangsuntersuchungen erhoben werden.
Analog zum Schulsozialindex in Nordrhein-Westfalen wird das Ergebnis des Faktors in neun Klassen unterteilt, die von Kindertageseinrichtungen mit sehr wenigen sozialen Herausforderungen (Stufe 1) bis hin zu Einrichtungen mit sehr hohen sozialen Herausforderungen (Stufe 9) reichen.
Index zeigt soziale Herausforderungen
Fast 60 Prozent der Einrichtungen der Stadt Essen weisen geringe bis unterdurchschnittliche soziale Herausforderungen auf, entsprechend der Stufen 1 bis 4 des Sozialindex. Knapp 30 Prozent der Einrichtungen weisen stärkere bis höchste Herausforderungen auf (Stufen 6 bis 9). Rund 10 Prozent der Einrichtungen weisen mittlere Herausforderungen (Stufe 5) auf.
Die gemessenen Herausforderungen steigen kontinuierlich entlang des Index. So steigt beispielsweise der Anteil von Kindern mit keinen oder schlechten Deutschkenntnissen von 3 Prozent in der ersten Indexstufe auf 79 Prozent in der höchsten Stufe. Ähnlich verhält es sich beim Anteil von Kindern mit Störungen in den schulrelevanten Entwicklungsbereichen. Diese steigen von 23 Prozent in der ersten Stufe auf 76 Prozent in Stufe 9. Diese sozialen Belastungsfaktoren wirken sich häufig negativ auf den Bildungserfolg aus und unterstreichen die Notwendigkeit einer gezielten Förderung.
Die Ergebnisse zeigen, dass ein Kita-Sozialindex ein geeignetes Instrument zur Identifikation von Einrichtungen mit erhöhten sozialen Herausforderungen sein kann. Durch die Berücksichtigung sozialstruktureller Merkmale können Kitas mit besonderem Unterstützungsbedarf frühzeitig erkannt und gezielt gefördert werden. Die Anwendung des Index kann zur Förderung der Chancengleichheit im frühkindlichen Bildungsbereich beitragen, eine bedarfsorientierte Steuerung der Ressourcen unterstützen und schließlich zu einer Entlastung der Fachkräfte vor Ort führen.
Manuela Ullrich
Sachgebietsleitung Bildung Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen der Stadt Essen
Dr. Christoph Ehlert
Fachbereichsleitung Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen der Stadt Essen