Jeder frühe Euro ist ein guter Euro – verbessert Bildung, Chancen und Wachstum
Wenige Politikfelder wirken so nachhaltig wie Bildung. Sie ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben, stärkt die Teilhabe als Bürgerin und Bürger und fördert Chancengleichheit. Zugleich ist Bildung ein Motor der wirtschaftlichen Entwicklung. Höhere Bildungsleistungen gehen langfristig mit höherer Wirtschaftskraft einher und können einen Großteil der Unterschiede in den Wachstumsraten im internationalen Vergleich erklären. Das gilt nicht nur auf nationaler Ebene: Auch auf Ebene von Städten und Gemeinden ist das Bildungsniveau der Bevölkerung ein wichtiger Indikator für künftiges Wachstumspotenzial.
Gute Bildung stärkt die Wirtschaft aus mehreren Gründen: Gut ausgebildete Menschen arbeiten effektiver, können komplexere Aufgaben übernehmen und sich leichter auf neue Anforderungen einstellen. Zugleich fördert bessere Bildung neue Ideen und Innovationen. Gerade in Städten kommt hinzu: Wo viele gut ausgebildete Menschen zusammen leben und arbeiten, verbreitet sich Wissen schneller.
Schwache Bildungsleistungen als Zukunftsrisiko
Vor diesem Hintergrund ist der Rückgang der schulischen Leistungen hierzulande in den letzten 15 Jahren besonders problematisch. Im Durchschnitt der aktuellen Kompetenztests in Deutsch und Mathematik erreicht nicht einmal die Hälfte (47 Prozent) der Schülerinnen und Schüler die Regelstandards, ein Viertel verfehlt sogar die Mindeststandards. Damit fehlen vielen jungen Menschen grundlegende Kompetenzen für ihren weiteren Bildungsweg und ihr Erwerbsleben. Angesichts des aktuell schwachen Wachstums, knapper Fachkräfte und technologischer Umbrüche werden anhaltend schwache Bildungsleistungen zu einem Risiko für Deutschlands zukünftige Entwicklung.
21 Billionen Euro Potenzial durch bessere Bildung
Was bessere Bildung wirtschaftlich bewirken könnte, zeigt unsere aktuelle Studie. Darin vergleichen wir die wirtschaftliche Entwicklung bei besseren Bildungsleistungen mit jener Entwicklung, die bei unverändertem Bildungsniveau zu erwarten wäre. Grundlage sind drei messbare Bildungsziele bis 2035, die drei frühere Bildungsministerinnen kürzlich parteiübergreifend formuliert haben: halb so viele Schülerinnen und Schüler unter den Mindeststandards, 20 Prozent mehr über den Regelstandards und 30 Prozent mehr über den Optimalstandards.
Erreicht Deutschland diese Bildungsziele, entstünde gegenüber dem Status quo in den kommenden 80 Jahren eine zusätzliche Wirtschaftsleistung von knapp 21 Billionen Euro. Das entspricht fast dem Fünffachen der aktuellen jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands. Im Jahr 2105 läge die Wirtschaftsleistung bei verbesserter Bildung um 40 Prozent höher als bei unverändertem Bildungsniveau. Auch die einzelnen Bundesländer würden erheblich profitieren. In Nordrhein-Westfalen läge die Wirtschaftsleistung im Jahr 2105 um 48 Prozent höher als bei konstanter Bildungsleistung, in Baden-Württemberg um 39 Prozent und in Berlin um 55 Prozent. Relativ am stärksten profitieren die Länder, in denen die Bildungsleistungen derzeit am niedrigsten sind.
Frühe Bildung vor Ort als entscheidender Hebel
Frühe Bildung ist einer der wirksamsten Hebel, um diese langfristigen wirtschaftlichen Erträge zu erzielen. Denn frühe Kompetenzen erleichtern späteres Lernen. Wer schon als Kind gut sprechen, lesen oder mit Zahlen umgehen kann, erschließt sich später leichter neues Wissen. Spätere Bildungsangebote bauen fast immer auf diesen Grundlagen auf. Je stabiler diese frühen Grundlagen sind, desto stärker zahlen sie sich im weiteren Bildungs- und Lebensweg aus. Gleichzeitig kann frühe Bildung Unterschiede aus dem Elternhaus abfedern, bevor sie sich im Bildungsverlauf verfestigen. Wenn Kinder mit guten sprachlichen, sozialen und kognitiven Voraussetzungen in die Schule starten, verbessert das ihre Chancen von Anfang an.
Unsere Zahlen bekräftigen damit die zentrale Rolle der Bildung als nachhaltige Wachstumsstrategie. Besonders lohnend ist sie dort, wo früh die Grundlagen für späteres Lernen gelegt werden. Gerade den Städten und Gemeinden kommt hier eine Schlüsselrolle zu: Sie gestalten mit Kitas, Schulen und Betreuungsangeboten zentrale Bildungsorte, an denen frühe Förderung wirksam werden kann. Unsere Ergebnisse sollten deshalb Mut machen, die Bildungsleistungen entschlossen, gemeinsam und zielorientiert zu verbessern. Davon profitieren Kinder, Kommunen und die Gesellschaft insgesamt.
Katia Werkmeister
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, ifo Zentrum für Bildungsökonomik
Prof. Dr. Ludger Wößmann
Professor für Volkswirtschaftslehre, Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiter, ifo Zentrum für Bildungsökonomik