Wie München eine Bauteilbörse als kommunale Infrastruktur entwickelt
Was passiert mit Fenstern, Türen oder Stahlträgern, wenn Gebäude rückgebaut werden? In Städten entstehen enorme Materialströme – bislang meist linear genutzt. Dieses lineare Modell führt oft zu einer hohen Menge an Abfall und Ressourcenverschwendung, da Materialien nach der Nutzung nicht wiederverwendet oder recycelt werden. Mit dem EU-Projekt CirCoFin entwickelt die Landeshauptstadt München ein Konzept für die Wiederverwendung von Bauteilen in Form einer Bauteilbörse. Ziel ist es, die Wiederverwendung wirtschaftlich tragfähig zu organisieren und als Infrastrukturaufgabe zu etablieren, um zirkuläres Bauen voranzubringen.
Die Bauwirtschaft gehört zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftssektoren. Ein erheblicher Anteil der in Städten anfallenden Abfälle entsteht durch Bau- und Abbruchmaßnahmen. Dabei sind in Gebäuden viele technisch nutzbare Materialien gebunden, die eigentlich wiederverwendet werden könnten. Für Kommunen bedeutet dies hohe Entsorgungs- und Neubaukosten, CO₂-Emissionen sowie Abhängigkeiten von Primärrohstoffen und volatilen Lieferketten.
Die Entwicklung einer Bauteilbörse ist Teil der Münchner Kreislaufwirtschaftsstrategie (MKWS) und wurde frühzeitig als kommunale Transformationsmaßnahme verankert. Nun soll die Wiederverwendung im Bauwesen strukturell, wirtschaftlich und rechtlich dauerhaft abgesichert werden. Wie dies gelingen kann, wird im EU-Projekt "CirCoFin – Circular Construction Finance" untersucht. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer Bauteilbörse. Sie soll Rückbau, Prüfung, Zwischenlagerung und erneute Vermittlung geeigneter Bauteile organisatorisch bündeln. Angebot und Nachfrage sollen systematisch zusammengeführt werden. Gedacht ist die Bauteilbörse als physische und digitale Plattform zugleich – mit klar geregelten Zuständigkeiten, standardisierten Qualitätsprozessen und transparenten Kostenmodellen. Mit diesem Vorhaben wird erstmals eine langfristig tragfähige kommunale Infrastruktur für zirkuläres Bauen aufgebaut.
Vom Pilotprojekt zum übertragbaren Modell
Der Ansatz geht bewusst über einzelne Pilotprojekte und die punktuelle Wiederverwendung von Materialien hinaus. Es soll ein tragfähiges Modell für das gesamte urbane Baugeschehen aufgebaut werden. Die geplante Bauteilbörse soll kommunale Bauvorhaben ebenso einbinden wie Projekte privater Bauherren, Wohnungsunternehmen, Projektentwickler und Handwerksbetriebe. Die Stadt versteht sich dabei als Impulsgeberin und Strukturentwicklerin, die verlässliche Rahmenbedingungen schafft und Akteure vernetzt.
CirCoFin befindet sich derzeit in der Konzept- und Evaluierungsphase. Analysiert werden Organisations- und Betriebsmodelle, Eigentums- und Finanzierungsfragen, Logistikprozesse sowie digitale Lösungen zur Materialerfassung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Wirtschaftlichkeit: Wiederverwendung muss sich in bestehenden Planungs- und Bauprozessen behaupten können. Deshalb werden Kalkulationsgrundlagen erarbeitet und unterschiedliche Szenarien analysiert, um eine langfristig betreibbare und bankfähige Lösung zu entwickeln.
Kreislaufwirtschaft als gemeinsame städtische Mission
Die Umsetzung der Bauteilbörse erfordert eine enge Zusammenarbeit innerhalb der Stadtverwaltung: Klima- und Ressourcenschutz, kommunales Immobilienmanagement, Baupraxis und Vergaberecht greifen hier ineinander. Um die Praxistauglichkeit und Marktfähigkeit sicherzustellen, werden zudem Akteure aus Bauwirtschaft, Planung und Wissenschaft eingebunden.
So werden bestehende Hemmnisse sichtbar: rechtliche Unsicherheiten bei Haftung und Gewährleistung, fehlende Standards, begrenzte Transparenz über verfügbare Materialbestände sowie knappe Lager- und Logistikflächen in wachsenden Städten. Um dem zu begegnen, verfolgt München einen systemischen Ansatz: Kreislaufwirtschaft wird nicht als Zusatzoption verstanden, sondern als strukturelle Weiterentwicklung kommunaler Baupraxis.
Gemeinsam mit europäischen Partnern, u.a. Städten wie Lissabon oder Kopenhagen und Ländern wie Schottland, entwickelt München im Rahmen von CirCoFin Modelle, die sich auf andere Orte übertragen lassen und auch dort funktionieren. Kommunen sollen belastbare Entscheidungsgrundlagen und Pläne für eine Infrastruktur an die Hand bekommen, in der Wiederverwendung planbar und wirtschaftlich tragfähig organisiert wird.
CirCoFin zeigt beispielhaft, wie Städte Transformationsprozesse aktiv gestalten können. Kreislaufgerechtes Bauen wird nicht länger als reines Umweltprojekt verstanden, sondern als strategische Aufgabe moderner Stadtentwicklung. Der Wandel hin zu einer zirkulären gebauten Umwelt beginnt mit neuen Strukturen – und genau hier setzt München an.
Marc Jehle
Koordinator EU-Projekt CirCoFin
Referat für Klima- und Umweltschutz Landeshauptstadt München
Daniel Rank
Stabsstelle Zirkuläres Bauen
Kommunalreferat Landeshauptstadt München
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Dieser Text ist erschienen in Städtetag aktuell 2|2026, Schwerpunkt Kreislaufwirtschaft