Krise bei Alttextilien: Städte zwischen Sammelverantwortung und Marktverfall
Altkleidercontainer gehören schon lange zum vertrauten Bild in Städten. Bürgerinnen und Bürger sind daran gewöhnt, nicht mehr genutzte Kleidung im nächsten Container zu entsorgen. Wenn die Kleidung noch nutzbar ist, werden auch Kleiderkammern für Obdachlose oder Menschen in Not angesteuert – oder lokale Second-Hand-Läden. Auch der digitale Handel mit gebrauchter Kleidung ist in den vergangenen Jahren stark in Mode gekommen. Diese Wege mit Alttextilien umzugehen, sind eingeübt und sie funktionieren, da der Marktpreis für Alttextilien stabil war.
Weltlage und Fast Fashion ändern alles
Der Markt für Alttextilien befindet sich mittlerweile jedoch in einer tiefgreifenden Krise mit spürbaren Folgen für Kommunen, wie auch für die mit Sammlungen betrauten Unternehmen und Institutionen und die Kleidungsverwerter. Ein wesentlicher Treiber dieser negativen Veränderung ist die schlechtere Qualität der Kleidung. Die Kleidung der Fast-Fashion-Industrie wird günstiger produziert, in immer kürzeren Zyklen verkauft und von der Kundschaft fast ebenso schnell wieder entsorgt. Der wachsende Anteil dieser Textilien ist jedoch von so schlechter Qualität, dass er sich weder als Second-Hand-Ware verkaufen noch wirtschaftlich recyceln lässt.
Hinzu kommt, dass der internationale Absatzmarkt für Alttextilien sich verschlechtert hat. Lange Zeit wurden große Mengen gebrauchter Kleidung nach Afrika, Osteuropa oder in den Nahen Ostens exportiert. Das wird zunehmend reguliert oder ist durch den Ukraine-Krieg gerade unmöglich. Gleichzeitig machen steigende Transportkosten und logistische Anforderungen die aufwendige Sortierung von Alttextilen unwirtschaftlich.
Doch was bedeuten diese Entwicklungen für die Städte vor Ort, die ihrer Pflicht zur getrennten Sammlung nach Kreislauswirtschaftsgesetz nachkommen? In vielen Kommunen existiert ein buntes Nebeneinander aus kommunalen, gemeinnützigen und auch gewerblichen Sammlern. Dieses System funktionierte, solange die Erlöse aus dem Weiterverkauf die Sammlung und Sortierung finanzierten. Die Preise sind im Keller, Sortierer gehen in die Insolvenz und die Wertschöpfungskette hat Dellen bekommen. Kurzum: die wirtschaftliche Grundlage vieler, vor allem gewerblicher und gemeinnütziger, Sammlungen bröckelt und die kommunalen Sammlungen werden zu einem Zuschussgeschäft, das über die lokalen Abfallgebühren gegenfinanziert werden muss.
Vermüllung von Containerstandplätzen
Einen weiteren Effekt kann man im öffentlichen Raum sehr gut beobachten: Immer häufiger werden Containerstandorte zu illegalen Ablageplätzen für Abfälle aller Art, vom Haus- über Sperrmüll bis hin zu Gefahrstoffen. Oft verteilt sich der Containerinhalt auf Gehwegen oder Grünflächen – ein Bild, das zu viel Unmut und hohen Kosten für die Kommunen führt. Denn sie sind es, die am Ende für Stadtsauberkeit einstehen. Das bedeutet für die Städte und deren Entsorgungsbetriebe zusätzlichen Aufwand: Sie müssen immer häufiger Müll rund um Containerstandorte beseitigen und Flächen reinigen. Dadurch entstehen zusätzliche Kosten.
Herstellerverantwortung für Alttextilien umsetzen – kommunale und gemeinnützige Sammlungen stärken
Für Kommunen entsteht daraus wachsender Handlungsdruck. Einerseits erwarten Bürgerinnen und Bürger weiterhin wohnortnahe Sammelmöglichkeiten für gebrauchte Kleidung. Andererseits können Städte die wirtschaftlichen Risiken des Alttextilmarktes nur begrenzt tragen. Gleichzeitig steigen die Kosten für Sauberkeit und Ordnung, wenn die Stellplätze rund um die Container zur Müllhalde werden.
Zusätzliche Dynamik bringt die europäische Vorgabe an die EU-Mitgliedstaaten, ein System der Herstellerverantwortung für Alttextilien zu etablieren. Aus Sicht des Deutschen Städtetages sind die Kommunen die einzigen Akteure, die ein flächendeckendes, verlässliches und sozial eingebettetes Sammelsystem bereitstellen können – inklusive der Einbindung sozialer oder karitativer Träger. Dieses System kurz- und langfristig zu stabilisieren, gelingt aber nur, wenn Hersteller verbindlich an den Kosten beteiligt werden.
Es ist daher gut, dass Hersteller künftig unterschiedlich hohe Beiträge – abhängig von der Umweltwirkung ihrer Produkte – zahlen sollen. Langlebige, reparierbare oder gut verwertbare Textilien werden finanziell begünstigt, während schwer recycelbare Fast-Fashion-Produkte höhere Beiträge auslösen. Jetzt ist die Bundesregierung gefordert ein Modell für die Herstellerverantwortung vorzulegen und auf den bestehenden Strukturen kommunaler und gemeinnütziger Sammlungen aufzubauen.
Tim Bagner
Referent des Deutschen Städtetages
Mehr lesen?
Dieser Text ist erschienen in Städtetag aktuell 2|2026, Schwerpunkt Kreislaufwirtschaft