Kreislaufwirtschaft als kommunale Zukunftsstrategie
Der Übergang von der traditionellen Abfallwirtschaft zu einer nachhaltigen Stoffwirtschaft ist für Kommunen Herausforderung und Notwendigkeit zugleich. Hierbei gilt die Kreislaufwirtschaft als wichtiger Hebel zur Bewältigung ökologischer, ökonomischer und sozialer Herausforderungen. Ziel ist es, zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung beizutragen – etwa durch Ressourcenschonung und verbesserten Ressourcenzugang, Reduktion von Emissionen, Förderung der Biodiversität und Abbau sozialer Ungleichheiten. Auf der anderen Seite bedeutet konsequent zirkulär zu wirtschaften nicht weniger als einen Systemwandel, der nicht nur technologische Innovationen und Geschäftsmodelle erfordert, sondern auch ein verändertes Verständnis von Prozessen und einen kulturell-gesellschaftlichen Umgang mit Ressourcen und Produkten, die auf ressourcensparende Lebensstile, Teilen, Reparieren und Wiederverwendung basieren. In einem Satz: Zirkuläres Handeln setzt eine Infragestellung bisheriger Denkmuster und Praktiken in allen Bereichen voraus.
Handlungsspielräume im föderalen System
Kommunen verfügen über Hebel, um diesen Wandel zu ermöglichen, beispielsweise in den Bereichen der öffentlichen Beschaffung, Bauleitplanung, Ver- und Entsorgung, Mobilität oder Wirtschaftsförderung. Allerdings sind die Wirkungen der Kreislaufwirtschaft auf die regionale Wertschöpfung bislang kaum quantifiziert und beruhen überwiegend auf allgemeinen Annahmen, etwa zur Reduktion externer Abhängigkeiten. Makroökonomische Studien, unter anderem der OECD, weisen jedoch auf ein erhebliches wirtschaftliches Potenzial hin und prognostizieren je nach Modell positive Effekte auf die Wirtschaftsentwicklung, bis hin zu einem BIP-Anstieg um 15 Prozent. In Deutschland könnten durch Maßnahmen, wie die Umweltverträglichkeit und "Entgiftung" von Stoffströmen, höhere Ressourceneffizienz, Wiederverwendung von Bauteilen, geringere Wohnflächen sowie die Stärkung von Sharing- und Mehrwegsystemen Einsparungen von 40 Millionen Tonnen CO2 realisiert werden. Möglich werden diese Effekte jedoch nur, wenn alle Ebenen des föderalen Systems in Deutschland und der Europäischen Union zusammenwirken und durch einheitliche Ressourcenschutzziele, Standards, konkrete Umsetzungsverordnungen sowie Förder- und Beratungsstrukturen einen systemischen Übergang zum zirkulären Wirtschaften ermöglichen. Nur so können Fragmente aus kommunalen Modellprojekten, Reallaboren und Handlungshilfen in die Breite ausgerollt werden und die prognostizierten Wirkungen entfalten.
Bauturbo: Zielkonflikt oder Bauwende für zirkuläres Bauen?
Insbesondere der Bausektor in Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung: Das Ressourcen- und Klimaschutzpotenzial ist enorm, denn der Bau- und Gebäudesektor verbraucht große Mengen an Primärrohstoffen und verursacht weltweit etwa 38 Prozent der CO₂-Emissionen. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum. Durch die Wiederverwendung von Bauteilen, modulare Bauweisen und Urban Mining im Hochbau können bis zu 50 Prozent der Materialien im Vergleich zu konventionellen Bauweisen eingespart werden.
Die aktuelle Bauturbo-Politik der Bundesregierung, die auf schnelle und kostengünstige Wohnraumschaffung abzielt, steht in einem Spannungsverhältnis zu diesen Zielen. Hierbei ist zu hinterfragen, ob und wie der "Bauturbo" als strategischer Katalysator dienen kann, um zirkuläres Bauen zu beschleunigen und Kommunen zu befähigen, entsprechende Standards verbindlich in Planungs- und Bauprozessen zu verankern.
Während die Kreislaufwirtschaft oft darauf abzielt, Produkte und Materialien durch verbessertes Recycling und innovative Geschäftsmodelle möglichst lange in geschlossenen Kreisläufen zu halten, bleiben Abfallvermeidung, Wiederverwendung von Produkten und die "Entgiftung" von Stoffströmen zentrale und eigenständige Handlungsfelder kommunaler Verantwortung. Diese Prinzipien müssen bereits in der Planung von Bauprojekten verankert werden, um nachhaltige und zukunftsfähige Lösungen zu schaffen.
Kreislaufwirtschaft als Leitprinzip in Kommunen bedeutet damit vor allem, bereits bei der Planung von Bautätigkeiten grundlegend zu hinterfragen, welche Vorhaben vermieden oder ressourcensparender gestaltet werden können (Suffizienz). Gleichzeitig gilt es, bei der Auswahl von Baumaterialien von Anfang an deren Rezyklierbarkeit und eine unproblematische Reintegration in natürliche Kreisläufe mitzudenken.
Kreislaufstadtprogramme als strategische Klammer
Um zirkuläres Wirtschaften in der Kommune zu verankern, bedarf es nicht nur im Baubereich neuer Koordinationsmechanismen zwischen den verschiedenen Ressorts und Akteuren, sondern auch einer Weiterentwicklung kommunaler Organisationsstrukturen und -prozesse. In vielen Kommunen sind die Zuständigkeiten, zum Beispiel für zirkuläres Bauen, auf mehrere Ämter verteilt – von der Bauaufsicht über die Abfallwirtschaft bis zur Wirtschaftsförderung. Eine strategische Klammer können hier kommunale oder regionale Kreislaufwirtschaftsstrategien bilden, die sektorale Aktivitäten bündeln und Synergien zwischen Umwelt-, Wirtschafts- und Stadtentwicklungszielen erschließen. Solche Strategien erhöhen nicht nur die Sichtbarkeit und Kohärenz kommunaler Maßnahmen, sondern setzen auch Impulse für privatwirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Akteure. So eröffnet die Kreislaufwirtschaft nicht nur die Chance, in eine ressourcenschonende und klimaneutrale Zukunft zu investieren, sondern stärkt auch lokale Wertschöpfung, Beschäftigung und gesellschaftliche Teilhabe.
Sandra Wagner-Endres
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Projektleiterin Deutsches Institut für Urbanistik (Difu)
Prof. Dr. Jochen Monstadt
Wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer Deutsches Institut für Urbanistik (Difu)
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Dieser Text ist erschienen in Städtetag aktuell 2|2026, Schwerpunkt Kreislaufwirtschaft