Erstes Fazit zur Verpackungssteuer in Konstanz: Weniger Müll und Zunahme bei Mehrwegangeboten
Seit Januar 2025 erhebt die Stadt Konstanz eine Verpackungssteuer auf Einwegverpackungen für Speisen und Getränke zum Sofortverzehr. Nach Tübingen waren wir bundesweit die zweite Kommune, die dieses Instrument einsetzte. Ein Jahr später lässt sich sagen: Der Schritt war richtig.
Ausgangslage: 500 Tonnen Müll pro Jahr im öffentlichen Raum
Die Situation in Konstanz war eindeutig: Pro Tag fielen 1,4 Tonnen Müll im öffentlichen Raum an – in Mülleimern, auf Straßen, Plätzen und am Seeufer. Hochgerechnet auf ein Jahr bedeutete das 500 Tonnen Abfall. Die kommunalen Entsorgungskosten stiegen kontinuierlich, während der Müllberg wuchs.
Unser Ziel war klar: das öffentliche Abfallaufkommen reduzieren, Mehrwegsysteme fördern und die Entsorgungskosten nach dem Verursacherprinzip gerechter verteilen. In Zeiten angespannter kommunaler Haushalte ist die gerechte Verteilung von Kosten ein Gebot der Fairness: Wer Müll produziert, soll sich an dessen Beseitigung beteiligen.
Im Rahmen unserer BürgerInnen-Befragung 2023 war 96 Prozent der Befragten vor allem eine saubere Innenstadt wichtig. Mit der Verpackungssteuer verfolgten wir in erster Linie das Ziel, die Müllmengen im öffentlichen Raum einzudämmen. Auch soll die Verpackungssteuer Betrieben einen Anreiz bieten, auf umweltfreundliche Mehrweglösungen umzustellen – ergänzend zur bereits seit Anfang 2023 geltenden Mehrwegpflicht.
Wissenschaftlich begleitete Evaluation als Grundlage
Von Beginn an war uns bewusst: Eine solche Maßnahme braucht belastbare Daten. Deshalb haben wir die Einführung der Verpackungssteuer wissenschaftlich durch die Universität Konstanz begleiten lassen. Die Herausforderung: Einwegverpackungen sind relativ leicht, während die kommunale Müllerfassung nach Gewicht erfolgt. Zudem beeinflussen externe Faktoren wie das Wetter und öffentliche Veranstaltungen das Müllaufkommen erheblich.
Durch die systematische Berücksichtigung dieser Kontextfaktoren konnten wir valide Vergleichsdaten generieren. Diese Herangehensweise empfehle ich allen Kommunen, die ähnliche Instrumente erwägen.
Messbare Erfolge nach neun Monaten
Die Zwischenbilanz nach neun Monaten zeigte eine Reduktion von 14 Tonnen Müll – umgerechnet rund eine Million Einwegbecher. Prozentual entspricht das einem Rückgang von 5 Prozent im Stadtgebiet. In einzelnen Stadtteilen, jenen mit weniger Tagesgästen, lag die Reduktion sogar bei 14 Prozent.
Diese Zahlen belegen: Die Steuer wirkt. Der jahrelange Trend zu steigenden Müllmengen im öffentlichen Raum wurde erstmals gebrochen.
Eine langfristige Beobachtung bleibt notwendig. Wir führen die Evaluation fort. Entscheidend wird sein, ob sich der positive Trend verstetigt oder ob es zu Gewöhnungseffekten kommt. Auch die Akzeptanz bei Betrieben und Bürgerschaft beobachten wir kontinuierlich.
Mehrwegsysteme: Deutliche Verstärkung des Angebots
Parallel zur Müllreduktion verzeichnen wir einen erfreulichen Nebeneffekt: Das Mehrwegangebot hat sich deutlich ausgeweitet. Der Anbieter Recup meldete zwischen Herbst 2024 und Frühjahr 2025 ein Wachstum von 60 Prozent. Aktuell gibt es über 100 Ausgabestellen für Mehrwegsysteme im Stadtgebiet.
Besonders bemerkenswert: Nicht nur die Quantität, auch die Qualität des Angebots hat zugenommen. Inzwischen werden diverse Speisen in Mehrwegbehältern angeboten. Einige Betriebe haben es geschafft, nahezu vollständig auf Einwegverpackungen zu verzichten. Um diesen Wandel zu unterstützen, haben wir flankierend eine Mehrwegförderung für Konstanzer Handels- und Gastrobetriebe sowie Vereine etabliert.
Rechtssicherheit und Übertragbarkeit
Rechtliche Bedenken spielten in der Diskussion eine Rolle. Nach dem Tübinger Vorbild und entsprechenden Rechtsgutachten haben wir unsere Steuer rechtssicher ausgestaltet. An der Stelle war es unser Vorteil, dass Tübingen bereits erste Erfahrungen gesammelt hat und wir lernen konnten. Für interessierte Kommunen liegen damit Präzedenzfälle vor.
Fazit: Ein Instrument mit Potenzial
Die Konstanzer Verpackungssteuer zeigt nach einem Jahr messbare Erfolge. Sie reduziert Müll, fördert Mehrweg und verteilt Kosten gerechter. Für Kommunen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, ist sie ein Instrument, das Wirkung entfaltet.
Entscheidend sind drei Faktoren: politischer Wille im Gemeinderat, wissenschaftliche Begleitung für Glaubwürdigkeit und flankierende Maßnahmen zur Unterstützung der Betriebe. Das Sahnehäubchen: jede Menge Kommunikation. Der Weg war nicht der leichteste. Aber er war der richtige – gerade für Konstanz, das 2019 als erste deutsche Stadt den Klimanotstand ausgerufen hat.
Uli Burchardt
Oberbürgermeister der Stadt Konstanz
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Dieser Text ist erschienen in Städtetag aktuell 2|2026, Schwerpunkt Kreislaufwirtschaft