Gedenktafel am Gereonshaus
Olga Oppenheimer und der Gereonsklub
Dr. Denis Steger
Das sogenannte Gereonshaus in der Kölner Gereonstraße wurde in den Jahren 1909/10 auf Initiative des Tuchgroßhändlers und späteren Versicherungsmaklers Max Samuel Oppenheimer als Büro- und Geschäftshaus errichtet. Das Gebäude ist wegen seiner kulturhistorischen Bedeutung bekannt. Hier wurde vor dem Ersten Weltkrieg internationale avantgardistische Kunst präsentiert, die heute von unschätzbarem Wert ist.
Max Samuels älteste Tochter, die künstlerisch hochbegabte Olga Oppenheimer (1886-1941), richtet 1910 im 5. Stock, Zimmer 198 des Gebäudes zunächst ein Atelier und eine Mal- und Zeichenschule ein. Sie nimmt bereits 1907 zusammen mit Agnes Oster, Emmy Worringer und der späteren Malerin Marta Worringer Malunterricht in München und beim Dachauer Kreis. Zwei Jahre später, während eines Studienaufenthalts in Paris, knüpft sie erste internationale Kontakte. Dort wirkt sie als Schülerin Paul Sérusiers, des Gründers der Künstlergruppe Les Nabis.
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Werbeanzeige von Olga Oppenheimer für ihre Malschule, Katalog der Sonderbundausstellung, Köln 1912, S. 30.
1911 gründen hier Olga Oppenheimer, der Kölner Maler Franz M. Jansen und Emmy Worringer den Gereonsklub von Künstlern und Kunstfreunden. Man trifft sich im Atelier Olga Oppenheimers. Auch August Macke, Kopf der Rheinischen Expressionisten, sucht direkten Kontakt zur Gruppe. Er avanciert bald zur bestimmenden Kraft der Unternehmung.
Ziel des durch August Macke und Olga Oppenheimer über München bis Paris vernetzten Gereonsklubs ist die Durchsetzung avantgardistischer Kunstströmungen. Präsentiert werden insbesondere Wechselausstellungen, Dichterlesungen und Vortragsprogramme. Letztere werden von dem einflussreichen Kunsthistoriker Wilhelm Worringer kuratiert. Der junge Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, Alfred Hagelstange, fördert die Aktivitäten sowie Olga Oppenheimer selbst.
Ein "Jour fixe" lädt jeden Samstag zu kunsthistorischen Debatten in den Gereonsklub ein. Der Maler Franz M. Jansen erinnert sich:
"Die Samstage erhielten in der Folgezeit einen solchen Ruf, dass auswärtige Interessierte, Künstler aller Art, Museumsdirektoren und die es werden wollten und von denen es manche auch wurden, zu ihnen kamen." [Franz Matthias Jansen, Von damals bis heute, Lebenserinnerungen, Köln 1981, S. 67f.]
Anlässlich der ersten Ausstellungseröffnung des Gereonsklubs am 20. Januar 1911 werden namhafte Künstler, darunter Vincent van Gogh, Ferdinand Hodler und Pablo Picasso im Gereonshaus präsentiert.
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Vincent van Gogh, Die Zugbrücke, Öl auf Leinwand, 1888, Wallraf-Richartz-Museum Köln, Inv. Nr. 1197
Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv, rba_d000216
Das Rahmenprogramm der Eröffnungsausstellung wird durch die Lesung des Schauspielers Georg Kiesau aus den "Briefen eines Zurückgekehrten" von Hugo von Hoffmannsthal sowie Kompositionen am Klavier von Julio Goslar gestaltet.
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Entwurf für die Einladungskarte zur 1. Ausstellung des Gereonsklubs, Tusche, aquarelliert, 1911, Kunstmuseum Bonn, Inv.-Nr. Z 63
Franz M. Jansen
Werke Franz Marcs werden im Oktober des Jahres in einer Einzelausstellung gezeigt. Die zweite Gruppenausstellung im November 1911 präsentiert Exponate der französischen Avantgarde.
Im Dezember 1911 werden Mitglieder der von Wassily Kandinsky gegründeten Neuen Künstlervereinigung München vorgestellt. Zu den Besuchern gehören unter anderem der einflussreiche Kunstsammler Alfred Flechtheim und der bekannte Kölner Konfektionswarenfabrikant Hermann Hertz. Am Rande der Vernissage kommt es zu heftigen Diskussionen über ein Gemälde des Malers Heinrich Campendonk:
„Ein Bild von Campendonk, eine Kabarettsängerin darstellend, hager und häßlich, im Stil von Toulouse-Lautrec gemalt, war es vor allem, das Empörung hervorrief, und Herr Hertz, der selbst eifrig sammelte, rief plötzlich: ‚Warum wählen sich die Maler heute ihre Objekte am liebsten aus der Kloake?‘[…]“ [Elisabeth Erdmann-Macke, Erinnerungen an August Macke, Stuttgart 1962, S. 177]
Dies zeigt, auf welche Vorbehalte die Ideen moderner Kunst anfangs stoßen. August Macke macht die Mitglieder des Künstlerklubs auch mit Arbeiten von Künstlern des Blauen Reiters bekannt. Hieraus geht im Januar 1912 eine weitere Präsentation hervor. Aus Platzgründen präsentiert der Gereonsklub im Juni 1912 – parallel zur Kölner Sonderbundausstellung – eine Reihe bedeutender Expressionisten im benachbarten Wallraf-Richartz-Museum. Die Kölner Sonderbundausstellung, die vom 25. Mai bis 30. September 1912 am Aachener Tor stattfindet, gilt heute als eine der bahnbrechendsten Präsentationen moderner Kunst. Wohl ebenfalls aus Platzgründen siedelt der Gereonsklub im Frühsommer 1912 in das Hansahaus am Friesenplatz 16 um. Zur Finanzierung der Miete stiften einige Künstler Aquarelle und Zeichnungen, die unter den zahlreichen Förderern verlost werden. Dort zeigt man – zum ersten Mal in Köln – unter anderem eine Einzelausstellung von Paul Klee.
Am Vorabend des Ersten Weltkriegs finden die Aktivitäten des Künstlerklubs ihr Ende.
Zum Schicksal von Olga Oppenheimer
Dr. Christl Wickert
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Olga Oppenheimer ca. 1910
Fotograph unbekannt, Familienbesitz
Olga Oppenheimer heiratet 1913 den Pächter des Restaurants im Kölner Zoo, Adolf Worringer, und gibt ihr Atelier im Gereonshaus auf. Der Verbleib eines Großteils ihrer Kunstwerke ist unbekannt.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges fallen ihr Bruder Friedrich, ebenso wie August Macke und zwei Jahre später ihr Malerfreund Franz Marc. Dies trifft sie schwer. 1914 und 1916 werden die Söhne Robert und Ulrich geboren. Da ihr Mann bis 1917 ebenfalls an der Front eingesetzt ist, lebt sie in dieser Zeit mit ihrer Schwiegermutter Bertha und der Schwägerin Emmy zusammen. In jene Jahre fällt laut familiärer Erzählung auch der Beginn einer psychischen Erkrankung, über die nichts Genaues bekannt ist. Anfang 1918 wird Olga Worringer, geb. Oppenheimer, auf Initiative ihres Mannes in die Hertzsche Klinik in Bonn eingeliefert und von dort am 23. Dezember 1918 in die Kranken- und Pflegeanstalt Waldbreitbach bei Neuwied eingewiesen.
Am 10. Februar 1941 wird sie im Rahmen einer sogenannten Sonderaktion zur Vernichtung älterer jüdischer Patientinnen und Patienten in die Zwischenanstalt Andernach verlegt. Am Tag darauf wird sie in einem Sammeltransport in die Euthanasieanstalt Hadamar gebracht und dort in der Gaskammer ermordet.
In den offiziellen Papieren wird von der Euthanasie-Zentrale in Berlin am 14. Mai 1941 irreführend „Cholm“ (ein Ort östlich von Lublin) als Todesort ebenso wie ein falsches Todesdatum angegeben. Die in der Euthanasie-Zentrale gesammelten Patientenakten werden zum großen Teil vernichtet, so auch die der Malerin Olga Oppenheimer.
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Olga Oppenheimer, Bildnis Bertha Oppenheim, 1907, Öl auf Leinwand, 66,4 x 66,6 x 5,9 cm, Kunstmuseum Bonn, Dauerleihgabe aus Privatbesitz seit 2013
Reni Hansen