Innenstadt-Entwicklung als Chance begreifen
"Die Innenstadt ist kein Auslaufmodell. Sie ist ein bedeutender Gradmesser dafür, ob Menschen ihre Stadt als attraktiv und lebenswert empfinden. Die Herausforderungen sind offensichtlich: Kaufhäuser schließen, Ladenlokale stehen leer, der Strukturwandel im stationären Einzelhandel ist sichtbar.
Gleichwohl ist Veränderung im Handel normal. Auch die Anzahl von Pelzgeschäften, Modellbauläden oder Videotheken ist stark rückläufig, weil die Nachfrage fehlt. Dafür haben heute auch Handy-Reparaturshops, Yoga-Studios oder Bio-Läden mehr Kundschaft. Die Verkaufsfläche im Einzelhandel hat sich seit den achtziger Jahren in etwa verdoppelt. Einkaufen allein trägt heute oft nicht mehr.
Diese Umbrüche müssen wir als Chance begreifen. Urbane Zentren sollten wir grundlegend neu denken. Es geht darum, die Innenstadt der Zukunft resilienter und zugleich lebenswerter zu gestalten. Es gilt, Trends frühzeitig zu erkennen und positiven Entwicklungen den Weg zu ebnen. Dazu gehören neben den üblichen Ladengeschäften auch immer mehr Kultur- oder Bildungsangebote sowie Umnutzungen in Wohnraum oder für Hotels und auch mehr Grün in der Stadt. Vielfalt macht die Innenstädte attraktiv und belebt Quartiere nachhaltig. Davon profitieren am Ende alle.
Viele gute Beispiele zeigen, wie das aussehen kann. Allen gemeinsam ist: Lebendige Zentren sind immer ein Gemeinschaftsprojekt von Eigentümern und Investoren, Bürgerschaft und Stadtverwaltung. Die Städte begleiten den Prozess als Moderatoren, Ermöglicher und Gestalter. Sie bauen bürokratische Hürden ab, entwickeln gemeinsam mit den lokalen Akteurinnen und Akteuren Konzepte und vermitteln zwischen verschiedenen Interessenlagen. Die unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure in der Stadt sollten in verbindlichen Formaten zusammenarbeiten. Runde Tische, Quartiersmanagements und Betreiberkonzepte können Spielregeln schaffen, die Investitionssicherheit erhöhen und Veranstaltungsstrategien ermöglichen. So lassen sich Leerstände in dauerhafte, sozial verträgliche Nutzungen überführen und lokale Wertschöpfungsketten stärken.
Damit dies gelingt und die Städte gestalten können, müssen sie finanziell handlungsfähig sein. Die historisch schlechten Kommunalfinanzen stellen auch die Innenstadtentwicklung vor große Herausforderungen. Unsere Forderung ist klar: Bund und Länder müssen die Städte dringend und nachhaltig entlasten, um ihren Handlungsspielraum nicht weiter einzuschränken.
Zugleich dürfen die Eigentümer der Immobilien den Leerstand nicht einfach hinnehmen. Sie können ihn als Experimentierfeld begreifen, in dem temporäre Nutzungen, Pop‑ups, Kulturformate und lokale Produktion erprobt werden. Solche Realexperimente zeigen schnell, welche Angebote dauerhaft tragen könnten. Gezielte Förderinstrumente von Bund und Ländern und neue Finanzierungsmodelle für Investorinnen und Investoren können auch hier wertvoll unterstützen.
Auch grüne Achsen machen das Zentrum attraktiv. Digitale Plattformen verbinden verschiedene Angebote. Sensorik, adaptive Beleuchtung und smarte Mobilitätsangebote optimieren die Flächennutzung, reduzieren Emissionen und schaffen Aufenthaltsqualität. Öffentliche Datenplattformen ermöglichen Echtzeitinformationen zu Hitzeinseln, Starkregenrisiken und Luftqualität. Begrünte Dächer, Versickerungsflächen und beschattende Baumreihen mildern Hitze und binden Wasser, während modulare Retentionsräume bei Starkregen Überflutungen abfedern. Digitale Zwillinge unterstützen Szenarien für Klimaextreme und helfen, Prioritäten für Investitionen zu setzen. So verbinden sich Technologie und Natur zu einer resilienten, sozialen Innenstadt, die wirtschaftliche Vielfalt, Klimaschutz und Lebensqualität zusammenführt. Das alles zahlt auf eine lebendige und attraktive Innenstadt für Ortsansässige und Besucherinnen und Besucher ein."