Entwicklung der Innenstädte
06.10.2020

"Zentren müssen lebendige Orte werden, autoarm oder autofrei"

Burkhard Jung, Präsident des Deutschen Städtetages, im Gespräch mit dem Spiegel, zur Entwicklung der Innenstädte

Der Spiegel: Herr Jung, die Bundesregierung arbeitet gerade an der Leipzig Charta für die europäische Stadt 2.0. Einem neuen Leitbild für die Zentren. Sind die wirklich in Gefahr?

Burkhard Jung: Nicht überall, aber in einem Teil der Städte, glaube ich, schon. Vor allem, weil Städte ihre Funktion als öffentlicher Marktplatz verlieren könnten. Innenstädte sind das Gesicht der Stadt. Das Zentrum zu erhalten, ist die wichtigste Frage für europäische Identität. Das unterscheidet unsere Städte von allen anderen auf der Welt. Deshalb müssen wir uns um die Stadtkerne kümmern.

Der Spiegel: Was schlagen Sie vor?

Burkhard Jung: Zentren müssen bespielt werden, wieder lebendige Orte werden, autoarm oder autofrei. Es braucht Events, Ereignisse, Kommunikation. Die alte Idee des mittelalterlichen Marktplatzes muss aufleben: da ist der Händler, der Gaukler, der Wirt, der Sänger, der Neuigkeiten berichtete. Wir müssen das Zentrum wieder richtig zelebrieren.

Der Spiegel: Geht es konkreter?

Burkhard Jung: Das Thema Wohnen spielt für die Zukunft der City eine ganz große Rolle. In Leipzig haben wir von Anfang an, bei jeder Sanierung gesagt: 30 Prozent Wohnanteil. In unserer Innenstadt leben heute wieder 10.000 Menschen, auf 600 mal 800 Metern. Das belebt. Aber in vielen Kommunen ist das nicht so. Jetzt kommt durch Corona, wachsenden Online-Handel und Klima-Anpassungsstrategien Bewegung in die Sache. Städte müssen großzügiger, grüner, luftiger werden. Corona zwingt uns, all unsere Konzepte von vor ein paar Jahren deutlich schneller umzusetzen. Wir müssen die Innenstadt den Menschen zurückgeben.

Der Spiegel: Sie haben leicht reden: Leipzig hat Zuzug. Das Wachstum übertüncht hier manches Problem, sorgt etwa automatisch für stetig steigende Kaufkraft.

Burkhard Jung: Das ist bestimmt so. Aber wir haben, glaube ich, auch einige richtige Entscheidungen getroffen. Beispielsweise haben wir die Uni mitten im Zentrum gelassen, sie nicht rausziehen lassen auf die grüne Wiese. Da sind 36.000 Studenten im Herzen der Stadt. Andere Städte haben es da schwerer. Dort steht die Uni außerhalb, oben auf dem Berg.

Der Spiegel: Aber die Uni wird vom Berg ja so schnell nicht wieder runterkommen.

Burkhard Jung: Man könnte vielleicht einzelne Institute zurückholen. Stadt kann da vorangehen: warum nicht die Musikschule, die Stadtbücherei, die Verwaltung in ehemaligen Warenhäusern unterbringen? So etwas sollte möglichst wieder ins Zentrum.

Der Spiegel: Und andersherum: die Zentren schrumpfen?

Burkhard Jung: Wir denken vom Kern aus. Daneben kann es Stadtteilzentren geben, B-Lagen, die müssen aber sehr konzentriert sein. Da können Städte auch steuern, Laden-Obergrößen definieren beispielsweise, Bebauungspläne drüberlegen, damit kein neuer Supermarkt am Stadtrand entsteht. Man kann da als Bürgermeister heute schon Einfluss nehmen.

Der Spiegel: Viele Kommunen beklagen, dass ihnen die rechtliche Handhabe dazu fehle.

Burkhard Jung: Es braucht auch neue Instrumente: mehr Geld für Städtebauförderung, Veränderungen im Baugesetzbuch, ein ausgeweitetes, festgeschriebenes Vorkaufsrecht für Grundstücke etwa. Baulandentwicklung muss verpflichtend werden, um Brachen zu verhindern und Spekulation zu vermeiden. Und ich bleibe ein Anhänger einer Lösung bei den Altschulden. Das Ziel, kommunale Altschulden abzubauen und die Städte handlungsfähiger zu machen, darf nicht in der Schublade verschwinden.

Der Spiegel: Dicke Bretter, die Sie da bohren wollen. Viele Einzelhändler fragen sich derzeit, ob sie das Weihnachtsgeschäft noch erleben.

Burkhard Jung: Wir diskutieren gerade im Städtetag, wie Weihnachtsmärkte in Zeiten von Corona stattfinden können. Die bringen ja enorme Besucherfrequenzen in die Zentren. Aber wir müssen die Infektionszahlen im Blick behalten und danach entscheiden. In Sachsen prüfen wir gerade verschiedene Konzepte dafür. Meine Idee ist es, den Gastronomiebereich einzeln auszuweisen, mit Datenerfassung und Einlasskontrolle. Daneben könnte es dann einen zweiten Kunsthandwerkermarkt mit sehr lockerer Bauweise geben. Denn klar: Das Weihnachtsgeschäft in den Innenstädten wäre ohne Weihnachtsmärkte stark geschwächt.

Sondergenehmigung des SPIEGEL-Verlag
Ein Interview von Simon Book, 05.10.2020 aus SPIEGEL+